Denken zwischen den Sprachen. Übersetzung als Paradigma der Geisteswissenschaften
Kolloquium
Denken zwischen den Sprachen. Übersetzung als Paradigma der Geisteswissenschaften
Jahrestagung der Max Weber Stiftung (MWS) – Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland, mit Beiträgen in englischer, französischer und deutscher Sprache (simultan übersetzt ins Deutsche bzw. Französische). Programm folgt in Kürze.
Congrès annuel de la Fondation Max Weber – Instituts allemands de sciences humaines à l’étranger, avec des contributions en anglais, français et allemand (traduction simultanée en allemand et en français). Programme à venir.
Annual Conference of the Max Weber Foundation – German Humanities Institutes Abroad, with contributions in English, French and German (simultaneously translated into German and French). Programme coming soon.
Referent:innen/Intervenant·es/Speakers: Lena Bader (DFK Paris), Barbara Cassin (Académie française/CNRS), Sandra Dahlke (MW-Netzwerk Osteuropa), Carolin Emcke (Berlin), Anne Lafont (EHESS Paris), Peter Geimer (DFK Paris), Jens-Peter Hanssen (Beirut), Simone Lässig (DHI Washington), Olivier Mannoni (Paris), Nicole Marion Müller (DHI Tokyo), Christoph Neuman (DHI Istanbul), Klaus Oschema (DHI Paris), Vladislav Rjeoutski (DHI Paris/MW-Netzwerk Osteuropa), Ossnat Sharon-Pinto (Be’er Scheva), Franz Waldenberger (DHI Tokyo), Stephan Weidner (Berlin), Annette Wieviorka (Paris).
« La langue du monde, c’est la traduction. »
Barbara Cassin
See English version below.
Grundlage jeder Übersetzung ist die Verschiedenheit der Sprachen. Übersetzen bedeutet, das vertraute Terrain der »Muttersprache« zu verlassen, um sich in eine andere Sprache hineinzudenken. Übersetzen ist daher mehr als Dolmetschen, mehr als die bloße Übertragung von Information. Die gelungene Übersetzung soll Form und Bedeutung des Ausgangstextes bewahren, zugleich kann sie den fremdsprachigen Text in der eigenen Sprache jedoch nicht einfach verdoppeln: es bleibt ein Rest des Unübersetzbaren. Das sich daraus ergebende Spektrum des Übersetzens hat bereits Friedrich Schleiermacher in seiner Rede Über die verschiedenen Methoden des Übersetzens (1813) skizziert: Soll es Ziel der Übersetzung sein, den fremdsprachigen Text in seiner Eigenart so getreu wie möglich zu reproduzieren? Oder soll die Übersetzung sich stärker an ihren Adressaten orientieren und den Ausgangstext entsprechend modifizieren? Geht es der Übersetzung also primär um die Bewahrung und Anerkennung von Alterität und Differenz? Oder soll sie den Ausgangstext den Konventionen der eigenen Sprache anpassen, ihn vielleicht sogar dem jeweiligen Zeitgeist entsprechend umformulieren?
Diese Fragen und Herausforderungen reichen längst über den engeren Bereich der Sprache hinaus. »Um von einer Sprache in eine andere zu gelangen, müssen wir von einer Welt in eine andere gelangen«, schreibt die Philosophin Barbara Cassin. In den Geisteswissenschaften wird Übersetzung daher zunehmend als Verfahren verstanden, das mit der Verschiedenheit der Sprachen auch die Verschiedenheit von Begriffssystemen, Wissensordnungen und Weltanschauungen in den Blick nimmt. Begriffe wie »Nation« oder »Freiheit« haben nicht in allen Sprachen und Gesellschaften dieselbe Bedeutung. Konzepte einer Kultur lassen sich oftmals kaum im Denkraum einer anderen Kultur reproduzieren. Kategoriale Unterscheidungen wie diejenige zwischen »Natur« und »Kultur« besitzen ebenso wenig universale Gültigkeit wie die in den indoeuropäischen Sprachen gegebene Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Neben ihrem Potenzial an Austausch und Verständigung können Übersetzungen daher auch schwerwiegende Verkürzungen vornehmen, wenn sie nämlich komplexe Sachverhalte durch Simplifizierungen ersetzen. Wie also kann die Übersetzung auch demjenigen Rechnung tragen, was sich der einfachen Übertragung entzieht? Welche produktiven Irrwege und kreativen Missverständnisse ergeben sich im Vorgang des Übersetzens? Wo verlaufen die Grenzen zwischen der Übersetzung als einer Praxis der Gastfreundschaft und der Übersetzung als Ausdruck von Überlegenheit und Macht? Übersetzen bedeutet immer auch eine Konfrontation mit den Möglichkeiten, Bedingungen und Grenzen der eigenen Sprache und Kultur: Ohne Kenntnis anderer Sprachen versteht man auch die eigene nicht.
English
Thinking between languages. Translation as a paradigm in the humanities
The groundwork for every translation is the heterogeneity of languages. To translate means to leave the familiar territory of the “mother tongue” in order to think one’s way into another language. Translating therefore goes beyond acting as an interpreter, beyond merely transmitting information. A successful translation ought to preserve the form and meaning of the source text, but at the same time it can’t simply duplicate the foreign-language version in one’s own tongue. The original text and the translation cannot be identical – there remains a vestige of the untranslatable. Consequently, a wide spectrum of considerations emerges around translation, outlined already by Friedrich Schleiermacher in his 1813 speech Über die verschiedenen Methoden des Übersetzens: Should the aim of translation be to reproduce the foreign-language text in its specific character, as faithfully as possible? Or should the translation demonstrate a greater orientation towards its target audience, modifying the source accordingly? Is translation concerned primarily with the recognition and preservation of alterity and difference? Or should it adapt the source text to the conventions of its own language, perhaps even applying reformulations in keeping with the current zeitgeist?
The modes of translation practiced against this backdrop have long exceeded, in their stakes, the narrower area of language. “To go from one language to another, we have to go from one world to another”, writes the philosopher Barbara Cassin. In the humanities, translation is increasingly construed as a process that, along with the heterogeneity of languages, takes into account the heterogeneity of conceptual frameworks, systems of knowledge, and worldviews. Terms like “nation” and “freedom” do not have the same meaning across all languages and societies. Concepts from one culture can often hardly be reproduced in another culture’s field of thought. Categorical distinctions, such as that between “nature” and “culture”, have no greater universal applicability than does the distinction among past, present, and future in the Indo-European languages. For all their potential in facilitating comprehension, translations can also pose drastic limitations, when abstract conceptualizations are replaced with concrete statements, multifaceted connections with straightforward language of cause and effect, or intangible ideas with more manageable ones. And so, how can translation account for that which can easily elude transmission? What productive aberrations and creative misunderstandings arise in the process of translation? Where are the boundaries between translation as a form of hospitality and translation as an expression of superiority and power? Translating always means confronting the potentials, conditions, and limitations of one’s own language and culture. Without knowledge of other languages, you cannot understand your own.