Der Surrealismus und das Geld. Händler, Sammler und Vermittler

Der Surrealismus und das Geld. Händler, Sammler und Vermittler

Große Künstler machen große Händler, soll Daniel-Henry Kahnweiler einmal behauptet haben. Doch sind es nicht vielmehr umgekehrt Kunsthändler, die die großen Künstler der Avantgarden produziert haben? » Que serions-nous devenus si Kahnweiler n’avait pas eu le sens des affaires? «, bekennt Picasso und weist damit dem Galeristen eine entscheidende Rolle für seinen künstlerischen und damit auch für seinen materiellen Erfolg zu. Für den Surrealismus indes scheint diese These nicht zuzutreffen. Vergeblich sucht man nach der einen Galerie oder nach dem einem Kunsthändler, die eine ähnliche Monopolstellung für die surrealistische Kunst eingenommen hätten wie Kahnweiler, der in den 1910/20er Jahren mit der Galerie Simon den Kubismus zum Erfolg führte, oder die Galerie Der Sturm von Herwarth Walden, die den Weg des Expressionismus ebnete.

Tatsächlich scheint die Absenz eines dominanten Galeristen ein konstitutiver Bestandteil des Systems zu sein, mit dem sich unter der Ägide von André Breton der Surrealismus auf signifikante Weise als » andere « internationale Avantgarde durchzusetzt. Denn von Beginn an setzen die Protagonisten des Pariser Surrealismus auf eine autonome Vermarktung und ökonomische Erfolgsstrategie: von der Gestaltung der Ausstellungskataloge bis zur Zeitschrift als ideologischer und künstlerischer Plattform, von der öffentlichkeitswirksamen Werbung bis hin zur Vernissage und zum spektakulären Display der Ausstellungen.

Eine systematische kultur-, kunst- und wirtschaftshistorische Analyse der Handelswege und Netzwerke, die den Surrealismus als eine der großen Avantgarden des 20. Jahrhunderts konstituiert haben, steht seit langer Zeit aus. Welche Rolle spielte der Kunstmarkt bei der Etablierung des Surrealismus als internationale Avantgarde? Wer waren die Akteure, Plattformen und Medien seiner Vermarktung und Selbstvermarktung? Auf welche Weise wurden Kunstwerke von Max Ernst, Salvador Dalí, Yves Tanguy u.a. zunächst in Europa und dann in den USA zu gefragten Sammler- und Museumsstücken? Und wie positionierten sich die Surrealisten selbst zum kommerziellen, in ihren Augen kapitalistischen System des Kunstmarkts? Systematisch werden von dem internationalen Forschungsprojekt sämtliche Ausstellungen des Surrealismus erfasst, die Netzwerke seiner Vermittler und Kunsthändler rekonstruiert und das Itinerarium der Kunstwerke nachgezeichnet. Auf diese Weise lassen sich nicht nur neue Erkenntnisse über die Genese, Geschichte und Internationalisierung des Surrealismus, sondern auch über die ökonomische Situation der Künstler und die Strategien ihrer Händler in Europa und im amerikanischen Exil sowie über die Musealisierung der surrealistischen Kunst gewinnen. Im Rahmen von internationalen Workshops und Tagungen, universitären Seminaren und sowie Ausstellungen, Publikationen sowie der Erstellung einer Datenbank wird das Forschungsdesiderat erschlossen werden. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Julia Drost (DFK, Paris), Fabrice Flahutez (Université Paris Nanterre) sowie Martin Schieder (Universität Leipzig) soll insbesondere der wissenschaftliche Nachwuchs in einer interdisziplinären Perspektive an das Forschungsgebiet zum Surrealismus zwischen Kunst und Kommerz herangeführt werden.

Das DFK Paris ist Partner des Labexes « Le surréalisme au regard des galeries, des collectionneurs et des médiateurs, 1924–1959 », Arts H2H.

 

Kolloquien und Veranstaltungen

2014

« Le monde au temps des surréalistes »
Workshop am DFK
Paris, 7 – 8 November 2014
Programm (PDF)

2016

« Le surréalisme dans l’europe de l’entre-deux guerres »
Workshop am DFK
Paris, 11 – 12 März 2016
Programm (PDF)

« Surréalisme et arts premiers »
Workshop am DFK
Paris, 10  – 11 Oktober 2016
Programm (PDF)

« The Avant-Garde and its Networks »
Workshop am Orient Institut Beirut
Beirut, 14 – 15 November 2016
Programm (PDF)

2017

« Das Geschäft mit dem Wunderbaren »
Workshop am DFK
Paris, 28 – 29 September 2017
Call for Papers (PDF)
 

Leitung

Kontakt
Dr. Julia Drost

Dr. Julia Drost

Wissenschaftliche Abteilungsleitung
Telefon +33 (0)1 42 60 67 97
Exposition inteRnatiOnale du Surréalisme (EROS) à la galerie Cordier, 1959, photo : William Klein