Kunsthistorische Objektwissenschaft

Kunsthistorische Objektwissenschaft

Welche weitreichenden Perspektiven sich eröffnen, wenn der kunsthistorische Blick verstärkt auf Gegenstände gerichtet wird, welche dem modernen, europäischen Kunstbegriff nicht entsprechen, hat in der jüngeren Kunstgeschichte die Bildwissenschaft bewiesen. Wird aber die Kunstgeschichte zu einer Bildwissenschaft, so reduziert sie ihren Kompetenzbereich drastisch – indem sie ganze Gegenstandsbereiche ausgrenzt, die keine Bilder sind. Gemeint ist zunächst das europäische ‚Kunstgewerbe‘. Aber auch vielfältige Artefakte außereuropäischer, oft vorkolonialer Kulturen werden vernachlässigt, obwohl ihnen in einer global und interdisziplinär aktiven Kunstgeschichte eine entscheidende Rolle zukommen muss. Daher sollte eine Objektwissenschaft der Bildwissenschaft an die Seite gestellt werden, keinesfalls in einer Opposition, sondern in produktiver Zusammenarbeit: Allein aus dem Grund, dass die komplexen Verhältnisse zwischen Bild und Objekt zentrale Fragen des Faches darstellen.

Das Forschungsfeld wird am DFK Paris von Dr. Philippe Cordez geleitet. Bewerbungen um Stipendien und der Anschluss von Forschungsprojekten sind unabhängig von Periode und Region willkommen. Zur Einführung:

Ph. Cordez, Romana Kaske, Julia Saviello, Susanne Thürigen, The Properties of Objects: Walt Disney’s Fantasia, in: Dies. (Hgg.): Object Fantasies. Experience & Creation, München: De Gruyter, 2018, S. 19-30

Ph. Cordez, Object Studies in Art History: Research Perspectives, ebd., S. 7-17

Tagung L’histoire de l’art et les objets, DFK Paris, 30.-31. Mai 2018

 


Aktuelle Projekte:

 

Fünfzig Objekte in Buchform. Vom Reliquiar zur Laptoptasche, hg. v. Ph. Cordez und Julia Saviello, Emsdetten: Imorde, in Druck.

Ob als Uhr, Trinkflasche, Toilettenstuhl, Feuerwaffe, Camera obscura, Keksdose, Feuerzeug oder Sparbüchse – buchförmige Objekte haben höchst unterschiedliche Funktionen. Das Buch veranschaulicht erstmals ihre herausragende Gestaltung und konzeptuelle Qualität. Die 50 ausgewählten Objekte vereinnahmen unverkennbar formale Elemente von Büchern, führen sie aber an immer neue Grenzen, weil sie im gleichen Moment an andere Objektarten anknüpfen. Diese wenig bekannte − aber nicht seltene − Kunst der Objektkombination ist im Gebrauch sinnlich und kognitiv zu erfahren und bietet in diesem Fall erstaunliche Einblicke in die Kulturgeschichte des Buches vom Spätmittelalter bis in unserer Zeit.

Siehe bereits Ph. Cordez, Nicht wählen! Objekte und die Kunst der Kombination, in: Weltweit vor Ort. Das Magazin der Max-Weber-Stiftung, 01/2019, S. 810.

 

Typical Venice? Venetian Commodities, 13th-16th Centuries, hg. von Ella Beaucamp und Ph. Cordez, London / Turnhout: Harvey Miller Publishers, in Druck.

What are “Venetian” commodities? More than any other medieval or early modern city, Venice lived off the trade of portable goods. In addition to trading foreign imports, the city also engaged in intense local production, manufacturing high quality glass, crystal, cloth, metal, enamel, leather, and ceramic objects, characterized by their exceedingly rich forms and complex production processes. Today, these objects are scattered in collections throughout the world, but little remains in Venice itself. In individual instances, it is often difficult to tell whether the objects in question were actually made in Venice or if they originated in Byzantine, Islamic, or other European contexts. This collective book will focus on the question of how Venice designed and exported its own identity through all kinds of its goods.

 

– Ph. Cordez und Evelin Wetter: Die Krone der Hildegard von Bingen,  Riggisberg: Abegg-Stiftung, in Druck.

Monographie zur neu identifizierten Krone in der Abegg-Stiftung (Riggisberg). Siehe bereits Ph. Cordez: Hildegard von Bingen: Das Haar und der Schmuck der Nonnen (um 1150), in: R. Sammern und J. Saviello (Hgg.): Schönheit – Der Körper als Kunstprodukt. Kommentierte Quellentexte von Cicero bis Goya , Berlin: Reimer, 2018, S. 79-91.

 

– Buchreihe Object Studies in Art History, hg. v. Ph. Cordez im Verlag De Gruyter (München).

1: Object Fantasies. Experience & Creation, hg. v. Ph. Cordez, Romana Kaske, Julia Saviello und Susanne Thürigen, 2018.

2: Objekte des Krieges. Präsenz & Representation, hg. v. Romana Kaske und Julia Saviello, in Druck.

3: Material Histories of Time. Objects & Practices, hg. v. Gianenrico Bernasconi und Susanne Thürigen, in Vorbereitung.

4: Löwe, Wolf und Greif. Monumentale Tierbronzen im Mittelalter, hg. v. Jan Keupp und Joanna Olchawa, in Vorbereitung.

5: Objekte & Organismen. Verlebendigung, Verdinglichung, Verwandlung, hg. v. Ella Beaucamp, Romana Kaske und Thomas Moser, in Vorbereitung.

 

– Ph. Cordez: Treasure, Memory, Nature: Church Objects in the Middle Ages, London / Turnhout: Harvey Miller Publishers, in Druck.

Engl. Übers. von Trésor, mémoire, merveilles. Les objets des églises au Moyen Âge, Paris 2016.

 

Die Elfenbeinkämme (5.–13. Jahrhundert)

Aus dem 5. bis 13. Jahrhundert haben sich etwa 100 vor allem westliche, aber auch byzantinische und islamische Elfenbeinkämme erhalten, die erstmals in umfassender Weise dokumentiert und veröffentlicht werden sollen. Die meisten stammen aus Kirchen der lateinischen Christenheit, wobei etwa 40 als Besitz historischer Personen betrachtet wurden. Auch diese Narrative werden im Corpuswerk systematisch untersucht, in Zusammenhang mit der moralischen Deutung der Kämme und ihrem Einsatz als Machtinsignien und paraliturgische Instrumente. Der Band wird die Reihe Die Elfenbeinskulpturen des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft fortsetzen.

 

Foto: Feuerzeug in Buchform, Frankreich, um 1916. Messing, Kupfer.
5,5 × 4,3 × 1,5 cm. Privatsammlung. © Nicolai Kästner

Forscher

Kontakt
Dr. Philippe Cordez

Dr. Philippe Cordez

Stellvertretender Direktor
Telefon +33 (0)1 42 60 60 73
Briquet, Frankreich, um 1916. Messing, Kupfer. 5,5 × 4,3 × 1,5 cm. Privatsammlung, © Nicolai Kästner