Kunsthistorische Objektwissenschaft

Kunsthistorische Objektwissenschaft

Welche weitreichenden Perspektiven sich eröffnen, wenn der kunsthistorische Blick verstärkt über den modernen, europäischen Kunstbegriff hinaus gerichtet wird, hat in der jüngeren Kunstgeschichte die Bildwissenschaft bewiesen. Wird aber die Kunstgeschichte zu einer Bildwissenschaft, so reduziert sie ihren Kompetenzbereich drastisch – indem sie ganze Gegenstandsbereiche ausgrenzt, die keine Bilder sind. Gemeint ist zunächst die europäische ‚angewandte Kunst‘ insbesondere älterer Epochen, aber auch vielfältige Artefakte außereuropäischer, oft vorkolonialer Kulturen werden vernachlässigt, obwohl ihnen in einer global und interdisziplinär aktiven Kunstgeschichte eine entscheidende Rolle zukommen muss. Daher sollte eine Objektwissenschaft der Bildwissenschaft an die Seite gestellt werden, keinesfalls in einer Opposition, sondern in produktiver Zusammenarbeit: Allein aus dem Grund, dass die komplexen Verhältnisse zwischen Bild und Objekt zentrale Fragen des Faches darstellen.

Forschungen zum Thema werden am DFK Paris von Dr. Philippe Cordez geleitet. Bewerbungen um Stipendien und der Anschluss von Forschungsprojekten sind unabhängig von Periode und Region willkommen.

 

Zur Einführung:

Philippe Cordez, Romana Kaske, Julia Saviello, Susanne Thürigen, The Properties of Objects: Walt Disney’s Fantasia, in: Dies. (Hg.): Object Fantasies. Experience & Creation, Berlin/Boston: De Gruyter, 2018, S. 19–30

Philippe Cordez, Object Studies in Art History: Research Perspectives, ebd., S. 7–17

 

Rezente Veröffentlichungen:

Philippe Cordez und Evelin Wetter, Die Krone der Hildegard von Bingen, Riggisberg: Abegg-Stiftung, 2019 (Monographien der Abegg-Stiftung, 21)

Philippe Cordez, Treasure, Memory, Nature: Church Objects in the Middle Ages, London / Turnhout: Harvey Miller Publishers, 2020

Ella Beaucamp und Philippe Cordez (Hg.): Typical Venice? The Art of Commodities, 13th16th Centuries, London / Turnhout: Harvey Miller Publishers, 2020 (In the Shadow of the Lion of St. Mark, 2)

Philippe Cordez und Julia Saviello (Hg.), Fünfzig Objekte in Buchform. Vom Reliquiar zur Laptoptasche, Emsdetten: Imorde, 2020

Philippe Cordez und Ivan Foletti (Hg. in Zusammenarbeit mit Karolina Foletti): Objects Beyond the Senses. Studies in Honor of Herbert L. Kessler = Convivium. Exchanges and Interactions in the Arts of Medieval Europe, Byzantium, and the Mediterranean, VIII/1, 2021


Aktuelle Projekte:

 

Die Elfenbeinkämme (5.–13. Jahrhundert)

Aus dem 5. bis 13. Jahrhundert haben sich etwa 100 vor allem westliche, aber auch byzantinische und islamische Elfenbeinkämme erhalten, die erstmals in umfassender Weise dokumentiert und veröffentlicht werden sollen. Die meisten stammen aus Kirchen der lateinischen Christenheit, wobei etwa 40 als Besitz historischer Personen betrachtet wurden. Auch diese Narrative werden im Corpuswerk systematisch untersucht, in Zusammenhang mit der moralischen Deutung der Kämme und ihrem Einsatz als Machtinsignien und paraliturgische Instrumente. Der Band wird die Reihe Die Elfenbeinskulpturen des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft fortsetzen.

Philippe Cordez, Golgotha im Kopf. Karl der Kahle und die karolingischen Elfenbeinkämme, in: Convivium. Exchanges and Interactions in the Arts of Medieval Europe, Byzantium, and the Mediterranean, VIII/1, 2021 (= Objects Beyond the Senses. Studies in Honor of Herbert L. Kessler, hg. von P. Cordez und I. Foletti in Zusammenarbeit mit K. Foletti), S. 102–131

 

Der musikalische Brunnen in Cleveland (Paris, um 1320)

Der hydraulische und musikalische Brunnen im Cleveland Museum of Art ist ein einzigartiges Objekt, geschaffen aus vergoldetem und emailliertem Silber in Paris um 1320. Ein genauerer Vergleich mit dem in Text, Bild und Musik dargestellten Jungbrunnen des Roman de Fauvel – eine in einer 1317 fertiggestellten Handschrift überlieferten politischen Satire (Bibliothèque nationale de France, ms. fr. 146) – lässt vermuten, wie in einem rezenten Aufsatz erläutert, dass die selben Schöpfer und Rezipienten involviert waren. So evoziert der Brunnen in Cleveland auf multisensorische Weise den Pariser Königspalast, als göttlichen Jungbrunnen, der das französische Königreich verjüngt. Ziel des Projektes in Zusammenarbeit mit Gerhard Lutz, Robert P. Bergman Curator of Medieval Art im Cleveland Museum of Art, ist die Vertiefung unseres Wissens über die materielle Beschaffenheit, die festliche Performanz und den historischen Kontext des Brunnens.

Philippe Cordez, Der Brunnen in Cleveland und der Pariser Königspalast (um 1320) / La fontaine de Cleveland et le palais royal à Paris (vers 1320), in: Jahresbericht. Deutsches Forum für Kunstgeschiche Paris / Rapport annuel. Centre allemand d’histoire de l’art Paris, 2019/2020, S. 20–29

Das DFK Paris trägt mit einer Sektion über Die Stadt, die Sinne und die Künste. Der musikalische Brunnen in Cleveland und die multisensorische Erfahrung im 14. Jahrhundert zum 6. Forum Kunst des Mittelalters bei (Sinne / Senses, Frankfurt am Main, 28 Sept.–1. Okt. 2022)

 

Buchreihe Object Studies in Art History, hg. von Philippe Cordez im Verlag De Gruyter (Berlin/Boston)

1: Object Fantasies. Experience & Creation, hg. von Philippe Cordez, Romana Kaske, Julia Saviello und Susanne Thürigen, 2018

2: Objekte des Krieges. Präsenz & Representation, hg. von Romana Kaske und Julia Saviello, 2019

3: Material Histories of Time. Objects and Practices, hg. von Gianenrico Bernasconi und Susanne Thürigen, 2020

4: Löwe, Wolfin, Greif. Monumentale Tierbronzen im Mittelalter, hg. von Joanna Olchawa, 2020

5: Susanne Thürigen, Turm, Spiegel, Buch. Astronomische Tischuhren in Süddeutschland (1450–1650), in Vorbereitung

6: Objekte & Organismen. Verlebendigung, Verdinglichung, Verwandlung, hg. von Ella Beaucamp, Romana Kaske und Thomas Moser, in Vorbereitung

 

Forscher

Kontakt
Dr. Philippe Cordez, directeur adjoint

Dr. Philippe Cordez

Stellvertretender Direktor
Telefon +33 (0)1 42 60 60 73
Cleveland Fountain
Musikalischer Brunnen, Paris, um 1320, 33.8 × 25.4 × 26 cm, The Cleveland Museum of Art, Gift of J. H. Wade 1924.859 (CC0)