»Die Stadt von morgen« in der DDR? Zur medialen Erzählung von Architektur und Städtebauprojekten (1965–1975)

»Die Stadt von morgen«
in der DDR?
Zur medialen Erzählung von Architektur und Städtebauprojekten
(1965–1975)

Während 1957 in Westberlin innerhalb der Interbau die Städtebauausstellung Die Stadt von morgen vorgestellt und Musterbauten modernen Wohnens eingeweiht werden, öffnet in der DDR die bei der Ersten Berliner Baukonferenz von 1955 verankerte Entstalinisierung der Architektur und des Städtebaus den Weg für die Industrialisierung des Bauwesens und die Planungsprinzipien des funktionalistischen Städtebaus. Die moderne Stadt scheint damals trotz der unüberwindlichen politischen, ideologischen, kulturellen und sozialen Divergenzen in BRD und DDR eine parallele Entwicklung zu nehmen.
Sowohl die Städtebauforschung wie auch die Kunstgeschichte haben den »sozialistischen Modernismus« unter dem Prisma der offiziellen Lehren, des kulturellen Kontexts und der spezifischen Produktionsbedingungen in der DDR analysiert; bestehen bleibt hingegen die Frage der Rezeption seitens der Bevölkerung und der gesellschaftlichen Erzählung der modernen Stadt in diesem Land. Während in den kapitalistischen Regimen die moderne Stadt meist in Verbindung mit technowissenschaftlicher Utopie und zügellosem Fortschrittseifer gedacht wird, lässt sich diese Lesart nicht umstandslos auf die DDR übertragen, wo die gesellschaftlichen Praktiken – aber auch das Verhältnis zum Bild und zur geschichtlichen Zeit – durch die marxistisch- leninistische Weltanschauung strukturiert sind.
Wie wirkt sich dieser Kontext auf die Rezeption der modernen städtebaulichen und architektonischen Vorhaben in der ostdeutschen Öffentlichkeit aus? Bewährt sich der dem kapitalistischen Modell ange- gliederte Begriff einer »modernen« Architektur und Städteplanung überhaupt als triftig, um deren sozialistisches Gegenstück zu beschreiben?
Anhand von Archivbeständen, die die Herstellung, Verbreitung und Rezeption des Narrativs der »Stadt von morgen« in Presse, Film- und Fernseh- produktionen sowie größeren Ausstellungen von Mitte der 1960er bis Mitte der 1970er Jahre in der DDR beleuchten, zielt dieses Forschungsprojekt darauf, eine Geschichte der modernen Stadt in sozialistischen Regimen an der Schnittstelle von Architektur und Kunstgeschichte, ihren ideologischen Grundsätzen und der medialen Konstruktion von sozialen Erzählungen zu erarbeiten.

 

Foto: Die Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz in Berlin, 3. Oktober 1969. Foto: Peter Koard, (Quelle: Bundesarchiv Bild 183-E1003-0001- 001)

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Dr. Marie-Madeleine Ozdoba

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