Jahresthema 15/16

Mittelalter und Mittelalterbild

Das Deutsche Forum für Kunstgeschichte widmet sein Jahresthema 2015/16 dem Mittelalter.

Die jüngere kunsthistorische Forschung entwirft ein Bild des Mittelalters von einer ungeahnten Komplexität und Vielschichtigkeit. Dabei geriet zunehmend die Frage der künstlerischen Autorschaft in den Fokus. Längst haben wir uns von einem rein handwerklich geprägten Kunstbegriff und dem Klischee des namenlosen Künstlers verabschiedet, wie ihn die Geschichtsschreibung von Vasari bis Burckhardt als Gegenbild zum Ideal der Renaissance konstruieren wollte. Der mittelalterliche Künstler war nicht notwendigerweise der Handwerker, der auf seine Autorschaft keinen Wert legte. Zahlreiche Inschriften und Selbstdarstellungen zeugen vielmehr von einem entschiedenen Selbstbewusstsein und der »erstaunlichen Freiheit« mittelalterlichen Kunstproduktion (Rudolf Berliner).

Die Kunst der Epoche war in die unterschiedlichsten Kontexte eingebunden. Nicht selten ging das Tätigkeitsfeld der Künstler weit über das hinaus, was ein moderner Künstlerbegriff umfasst. Auch umschreibt die Einbindung in das bürgerliche Zunftsystem nur unpräzise seinen sozialen Ort in der Gesellschaft. Städtische Künstler arbeiteten unter anderen Voraussetzungen als in einen höfischen oder kirchlichen Kontext eingebundene Künstler. Ähnlich schwierig zu fassen sind die Auftraggeber und ihre Rolle. Suchte die ältere Kunstgeschichtsschreibung die Kunst des Mittelalters zumeist nach lokalen Schul- und Werkstattzusammenhängen und somit nach seiner topographisch Herkunft zu bestimmen, tritt heute verstärkt die Frage der Mobilität und des kulturellen Transfers in den Blick.

Das Jahresthema soll vor dem Hintergrund der neueren Mittelalterforschungen betrachten, welche sozialen und auch intellektuellen Orte sie einnehmen konnte. Dabei sollen die Vielfalt der Medien ebenso Berücksichtigung finden wie die unterschiedlichen Formen die Kunst im europäischen Mittelalter besaß. Die Betrachtung der Kunst des Mittelalters ist indes nicht zu trennen von dem Mittelalterbild der vergangenen Jahrhunderte, sei dies nun von Kunst und Literatur geprägt, von dem Umgang mit den Artefakten, etwa durch die Denkmalpflege, oder von der kunsthistorischen Forschung.

 

Das Jahresthema wird geleitet von Thomas Kirchner (Deutsches Forum für Kunstgeschichte) und François-René Martin (École nationale supérieure des beaux-arts de Paris).

 

 

Die Stipendiaten und Stipendiatinnen und ihre Forschungsthemen

  • Eveline Deneer (Université Paris I Sorbonne): Passé national et histoire partagée. La peinture de genre à sujets historiques: sa dimension transnationale entre la France, l'Allemagne et l'Italie, ca. 1802–1848
  • Annamaria Ersek (Université Paris-Sorbonne, Centre André Chastel): La représentation du souverain en Europe centrale: milieu du XIVe siècle – milieu du XVe siècle
  • Arthur Hénaff (EPHE Paris): Illustration et illustrateurs de compilations cosmologiques: perspectives pour l'histoire de l'art à la fin du Moyen Âge en Europe Centrale
  • Lukas Huppertz (TU Berlin): Erzählung und Erscheinung: Bildhauerarchitektur und Betrachteransprache am Gerichtsportal der Kathedrale in Reims
  • Stephanie Luther (Yale): Artist and Agency in Romanesque Sculpture, from Alsace to Frisia
  • Andrew Murray (UCL London): Retenu par Monsieur: Artists between Town and Court in Later Medieval Burgundy
  • Nina Reiss (FU Berlin): Zwischen Tapisserie, Tafelmalerei und Buchmalerei - Entwürfe historisch-mythologischer Bildteppiche aus dem Spätmittelalter
  • Martin Schwarz (University of Chicago): Die Materielle und Visuelle Kultur der Scholastik
  • Judith Soria (EPHE Paris): Chercher Byzance: les missions scientifiques des historiens de l'art byzantin au début du XXème siècle
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