Paris – Pindorama. Bewanderte Bilder aus einer deplatzierten Moderne

Paris – Pindorama. Bewanderte Bilder aus einer deplatzierten Moderne

Die Erfahrung von Transkulturalität als dynamischer Prozess, als Reise und Bewegung, die nicht linear von A nach B führt, sondern zirkulär, transversal und im besten Sinne chaotisch verläuft, stellt besondere Herausforderungen an das methodische Instrumentarium der Kunstgeschichte. Ausgehend von ausgewählten, im 20. Jahrhundert stattgefundenen Bildwanderungen zwischen Brasilien und Frankreich möchte das Projekt transkulturelle Austauschprozesse kunst- und bildhistorisch untersuchen. Unter besonderer Berücksichtigung der Frage des Ortswechsels sollen neben kulturhistorischen Aspekten auch Methodenfragen mit Blick auf die Verortung der ästhetischen Erfahrung thematisiert werden. Speziell wird danach zu fragen sein, inwiefern im Rahmen künstlerischer Austauschprozesse zwischen Brasilien und Frankreich nicht zuletzt auch ein Modell von Transkulturalität hervortritt, das dazu beitragen kann, ideologisch aufgeladene Erzählungen der Moderne zu überdenken. Der Titel verweist auf eine brasilianische Vorgeschichte, die der sogenannten ›Entdeckung‹ Brasiliens vorausgeht: »Pindorama« entstammt der Sprache der Tupi-Indianer und bedeutet ›Gegend‹ bzw. ›Land der Palmen‹: Es ist der frühe Namen für Brasilien. Die precabralsche Benennung ist Sinnbild einer komplizierten Diskussion rund um Fragen von kultureller Identität, Memoria und Narration: Wie lässt sich die (Kunst- und Kultur-)Geschichte eines Landes untersuchen, wenn dessen Geschichtsschreibung mit Zu- und Aufschreibungen von ›außen‹ beginnt? Die Arbeit orientiert sich entlang einer Auswahl verschiedener Akteur/-innen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die zwischen Frankreich und Brasilien agieren. Gemeinsam ist ihnen, dass sie im Sinne einer kritischen Erinnerungsgemeinschaft operieren und Modernisierung nicht als Ergebnis einer linearen Fortschrittsgeschichte begreifen, sondern als Form einer interkulturellen Aufhebung. Mit ihren grenzüberschreitenden Bildwanderungen bieten sie ein wichtiges Korrektiv für universalistische Ansätze einer ›Global Art History‹. Aus kunsthistorischer Perspektive betrachtet sind diese Phänomene umso bedeutender, weil sie den Blick auf gesellschaftskritische Formen künstlerischen Engagements lenken. Dabei werden Denkmodelle erkennbar, die in späteren postkolonialen Diskussionen explizit werden und grundlegende Fragen kultureller Identität berühren. Sie bieten eine interessante Kontrastfolie zu eurozentrischen Diskursfiguren der Kunstgeschichte sowie damit verbundenen Identitätsmodellen, die auch über den engeren Kreis der Wissenschaften von Relevanz sind. Hier erweist sich das Konzept einer transkulturellen Moderne als grundlegende Figur der Ausrahmung.

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Dr. Lena Bader

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