Romanische Portale in Südfrankreich und die Empirische Kunstwissenschaft in Südfrankreich. Max Raphaels Ästhetik des erschöpfenden Begreifens

Romanische Portale in Südfrankreich und die Empirische Kunstwissenschaft in Südfrankreich. Max Raphaels Ästhetik des erschöpfenden Begreifens

Ohne sich zu verdrehen sind romanische Skulptur und Architektur nicht zu begreifen. Die von einer körperlichen Erfahrung des Kunstwerks in die theoretisch mathematische Reflexion überführte Kunsterfahrung Max Raphaels ist ohne den sinnlichen Nachvollzug in seiner Schlagkraft nicht ohne weiteres nachvollziehbar. Diese Körperhaftigkeit, hier des Begreifens, ist es selbst wiederum, die als Essenz der romanischen Figur analysiert werden will und dessen Ausdruck zur Entdeckung eines Systems der Raumgestaltung führt. Die auf einer Südfrankreichreise 1935 entstandenen Texte des Kunsthistorikers Max Raphael, wiederholt im französischen Exil bevor es ihm gelang nach Amerika zu emigrieren, sind Gegenstand dieses Forschungsvorhabens. 

Die Einzelanalysen zur romanischen Skulptur führt Raphael mit dem historisch-religiösen Kontext der Werke zusammen, um über Entstehung und Funktion der Werke Auskunft geben zu können. Damit scheinen Aspekte der Ikonologie ebenso vorweggenommen, wie das Insistieren auf der Materialität (des Steins) als Träger aller Ausdruckswerte. Der Eigenwert, der Raphael dem empirischen Umgang mit dem Material zuspricht, führt insbesondere für die Bildhauerkunst die Notwendigkeit empirischer Arbeit vor Augen. Im hier vorgestellten Projekt soll es um ein genaues Verständnis und um den Nachvollzug der für die kunstwissenschaftliche Methode grundlegenden Arbeit gehen.

Entfaltet Raphael in seinen Schriften zu den Konstruktionsprinzipien romanischer Architektur anhand von Licht- und Raumgestaltung sein theoretisches Rahmengebäude (Zur Ästhetik der romanischen Krichen in Frankreich), so antwortet er auf das Desiderat einer empirischen Kunstwissenschaft mit seinen Etudes sur les façades romanes en France (Mss. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg). Mit dem Besuch der Kirchen im französischen Südwesten ab Sommer 1935, darunter Fenioux, Chadenac, Valcabrère, Saint-Étienne in Toulouse oder Saint-Bertrand de Comminges, sucht er das Kunstwerk in der körperlichen Erfahrung des Originals. Die Besonderheit seiner hierzu verfassten Texte ist deren konstituierende Funktion für die Entwicklung einer verallgemeinerbaren Theorie zur Lesbarkeit der Bedeutung der Kunstwerke. Diese Übersetzungen seiner Autopsien in die Sprache des Kunstwissenschafters sind in mehrfacher Sicht herausfordernd, seine Studien ebenso fragmentarisch wie das überbordende Material.

Das Projekt nimmt sich vor, mit einer Übertragung der bereits im Deutschen komplex verfassten Sprachlichkeit (Raphaels Sprache ist zugleich von Denkfiguren der Gestaltpsychologie des frühen 20. Jahrhunderts sowie seiner profunder Kenntnis mittelalterlicher Dogmatik geprägt) ins Französische das für die französische Kunst und deren Wahrnehmung bedeutsame Werk Raphaels zugänglich zu machen. Die kritisch annotierte Übersetzung der methodischen Texte sowie die bereits in französischer Sprache verfassten Einzelstudien werden begleitet von einem Abbildungsapparat, der integraler Bestandteil der Projektarbeit sein wird. Vom chronischen Desiderat der bildlichen Nachvollziehbarkeit in allen bisherigen deutschsprachigen Editionen[1] abgesehen geht es uns dabei um den sinnlichen Nachvollzug von Raphaels Werkerfahrung, wie sie sich in den Texten argumentativ und beschreibend niederschlägt. Denn nur so kann der Anspruch der empirischen Kunstwissenschaft halbwegs eingelöst werden. Es geht um die ganzheitliche Erfahrung des Werkes, welches ja als Einzelphänomen „Merkmalsträger“ auf dem Weg zu einer soziohistorisch eingebetteten Theorie ist. Begleitet wird das Projekt von einer Dokumentation, die über ihren Eigenwert hinaus das Nacharbeiten von Max Raphaels empirischer Werkerfahrung reflektiert.

Abschließend wird die Arbeit zur romanischen Skulptur einzuschreiben sein in die Umstände der Zeit, denn Raphaels Texte sind zugleich sein Manifest von Freiheit und Lust am „Genuß des Einmaligen“, seine Reise-Erfahrung ist philosophische Geschichts- und Welterkenntnis und vorallem ein humanistischer Gegenentwurf zu den dramatischen Ereignissen seiner Zeit. Die vom New Yorker Exil aus geplante, erneute Reise nach Südfrankreich und Spanien zeigt den Stellenwert dieser Erfahrung auf dem Weg zum Auffinden einer Kunstwissenschaft. Mit dem Freitod 1952 blieb diese bloß Vorhaben, eine Einlösung seiner Erwartung, die empirischen Befunde in ein theoretisch fundiertes wissenschaftliches System zu überführen, steht bis heute aus. Hierzu will das Projekt einen Beitrag leisten.

 

[1] Grundlage der Arbeit sind die Arbeiten von Hans-Jürgen Heinrichs, Heike Komnick, Knut Nievers und Rolf Wintermeyer, die in den Band der Werkausgabe in 11 Bänden Eingang gefunden hat: Max Raphael, Das göttliche Auge im Menschen – Zur Ästhetik der romanischen Kirchen in Frankreich, Frankfurt a.M. 1989.

 

 

Projektleitung: Markus A. Castor, Marthje Sagewitz

Übersetzungen, philologische Bearbeitung: Katharina Jobst

Film- und Foto: Samuel Auquier

Projektbeginn
04.08.2021
Projektende
31.12.2022

Forscher

Forschungsfelder
Institutionen- und Wissenschaftsgeschichte
Valcabrère, Saint-Just, figures murales, vers 1200, © Björn Stüben
Valcabrère, Saint-Just, Gewändefiguren, © Björn Stüben